Coming out – was ist das überhaupt?

Locker übersetzt heißt „Coming out“ soviel wie Herauskommend, Herausgehend. Der Begriff wird fast ausschließlich im Zusammenhang mit Homosexualität verwendet. Unter dem Coming out verstehen viele den Schritt, anderen Menschen, Freunden, Verwandten, den Eltern oder den Arbeitskollegen mit zu teilen, dass man/frau schwul oder lesbisch ist.

Doch wie kommt es dazu, dass es für dieses „Sich-anderen-Mitteilen“ einen eigenen Begriff gibt – ganz im Gegensatz zu Heterosexuellen, die ihrer Umwelt selten mitteilen, dass sie jetzt heterosexuell seien?
Es hat sicherlich damit zu tun, dass es auch heute immer noch nicht ganz einfach ist seine schwule, lesbische oder bisexuelle Orientierung zu leben, wie man/frau möchte. Deshalb gehen einem häufig erst einmal viele Gedanken durch den Kopf, ob man evtl. als Mann oder Junge auf Männer oder Jungs steht, oder ob frau evtl. als Frau oder Mädchen auf Frauen oder Mädchen steht. Dabei unterscheiden sich die Gefühle und Gedanken des/der einzelnen stark, doch es gibt auch viele Parallelen in diesem Prozess. So berichten viele Schwule und Lesben von einem Art zündenden Gedanken, also einem Moment, wie es ihnen wie Schuppen von den Augen fiel, dass sie wohl gleichgeschlechtliche Interessen haben.

Viele betrachten dann in diesem Moment ihre Vergangenheit und merken, dass sie anscheinend schon länger auf das gleiche Geschlecht stehen, dass es immer wieder Erlebnisse gab, in denen sie von anderen Männern oder Frauen fasziniert waren, sich diesen Gedanken oder dieses Gefühl aber nicht eingestanden haben. Oder sich verboten haben, weiter darüber nachzudenken. Dieses Erlebnis, dass einem plötzlich klar wird, was mit einem ist, hat augenscheinlich damit zu tun, dass man/frau selten in seinem Umfeld Menschen kennt, die ganz selbstverständlich mit ihrem Schwul- oder Lesbischsein umgehen. Und in der Erziehung durch die Eltern oder die Reaktionen der Umwelt zu diesem Thema ist für viele zu spüren, dass sie einen Weg beschreiten, der oft noch als „nicht normal“ bezeichnet wird. Oder sie erfahren in den Medien, dass Schwule immer nur schrill und Lesben meist tough sind. Deshalb kämpfen viele vor ihrem eigentlichen „Coming Out“ auch mit einer ganzen Menge Ängste. Zum Beispiel der Angst davor, dass Familie und Freunde ablehnend reagieren, wenn man erzählt, dass man schwul ist. Das muss aber nicht sein. Inzwischen leben immer mehr Schwule und Lesben offen in unserer Gesellschaft, d. h. sie machen keinen Hehl daraus, wenn sie gefragt werden, dass sie homosexuell sind.

Auf der anderen Seite könnte man/frau natürlich fragen, warum soll ich anderen auf die Nase binden, mit wem ich ins Bett gehe oder in wen ich mich verliebt habe. Macht man es nicht, wird man/frau oft genug mit Fragen bombardiert oder mit abschätzigen Kommentaren belästigt. Leider lässt sich die Reaktion der Umwelt nicht vorhersagen, deshalb muss auch jeder/jede für sich selbst abschätzen, was er/sie anderen erzählen möchte. Doch man/frau sollte nicht davon ausgehen, dass generell alle Mitmenschen negativ reagieren. Viele Schwule und Lesben können auch davon erzählen, dass sie sehr unkomplizierte oder tolle Reaktionen erlebt haben. Das Ideal wäre es natürlich, Menschen könnten ihre Sexualität und Liebe so leben, wie sie möchten – ohne sich zu irgendetwas bekennen zu müssen.

Doch zum Coming Out gehört für viele noch mehr. Oft ist alleine der Gedanke, schwul oder lesbisch zu sein, für jemanden sehr erschütternd, da das eigene Lebenskonzept (z. B. Heiraten, Kinder kriegen usw.) plötzlich in Frage gestellt ist. Viele hatten dieses Konzept aber auch gar nicht.

Jedenfalls hat das Coming Out häufig mit „Neuorientierungen“ zu tun. Zum Beispiel sich einen neuen Freundeskreis aufzubauen, überhaupt mal die schwule oder lesbische Szene aufzusuchen, evtl. eine gleichgeschlechtliche Partnerschaft einzugehen, vielleicht das erste Mal schwulen oder lesbischen Sex zu haben, sich ein neues Lebenskonzept zu überlegen oder sich einfach nur darüber zu freuen, endlich zu wissen, was mit einem die Zeit davor los war und diese Veränderung jetzt in vollen Zügen genießen und leben zu können. Denn wie unsere Großmütter und Großväter schon sagten: „Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert.“ So wurde es von viele Schwulen und Lesben als angenehm empfunden, endlich so leben zu können, wie man im Hintergrund schon immer wollte. Viele wechseln auch ihren Wohnort, zum Beispiel in eine größere Stadt, wenn sie bis dahin auf dem Land lebten, auf dem es keine schwule oder lesbische Szene gibt. Andere finden in der ersten gleichgeschlechtlichen Beziehung, die sie eingegangen sind, gleich den Traummann oder die Traumfrau, die sie schon immer gesucht haben und gehen mit ihm/ihr eine Lebenspartnerschaft („Homoehe“) ein, die seit einiger Zeit in Deutschland möglich ist. Und manche toben ihre lange zurückgehaltenen sexuellen Bedürfnisse erst einmal konsequent aus (hoffentlich safer :)).

Du siehst, es mag zwar Parallelen beim Coming out geben, doch sie müssen weder eingehalten werden noch gehören sie bei jedem/jeder zum Coming out. Es gibt sehr vielfältige Formen sich selbst klar zu werden, dass man/frau schwul oder lesbisch ist. Es gibt auch vielfältige Formen, dieses Schwul- oder Lesbischsein zu leben. Doch es gibt keine klaren Grenzen. Wo zum Beispiel hört Bisexualität auf und fängt Homosexualität an? Wo fängt Frausein an und hört Mannsein auf? Was bedeutet es überhaupt, eine Frau oder ein Mann zu sein? Vielleicht ist es hilfreich, bei dem Gedanken zu verweilen, dass es eine der schönsten Sachen der Welt ist, wenn Menschen Sex miteinander haben oder sich lieben. Ob nun Mann mit Frau, Mann mit Mann oder transgender people mit bisexuellem Mann usw. ist dann doch eigentlich egal!