Sep 22

Einen wunderschönen guten Morgen, Mittag, Abend, meine Lieben!

Ich hoffe ihr habt nach letzten Freitag alle schön eure Romeo-Profile aufgepeppt (und nicht nach dem ein oder anderen unserer Auszüge sofort auf „Account löschen“ geklickt). Wir hatten gestern nochmal genau dieses Thema. Wie gestaltet man denn nun sein Profil so, dass es auch wirklich ansprechend ist. Da haben wir eine Seite gefunden, auf der der ein oder andere Tipp ist (mal reinschauen, mein heutiger Linktipp). Was mich total verblüfft hat: Attraktivität hat anscheinend ziemlich viel mit Symmetrie zu tun, ein symmetrisches Gesicht wirkt auf uns attraktiver. Und jetzt der Kniff: Beim Dating-Profil ein Bild mit nur der einen Gesichtshälfte hochladen, die andere würde man sich dann nämlich denken. Und zwar symmetrisch. Ergo attraktiver.

Ich dachte mir sofort, was für ein riesengroßer Beschiss – das ist doch genau mein Ding! Hier muss ich weiter recherchieren. Und dabei bin ich beim sogenannten NLP (Neuro-linguistisches Programmieren) angekommen. Gleich vorab, ich hab natürlich erstmal meine erst beste Psychologie-Studenten konsultiert, ihrer Meinung nach ist das Ganze wissenschaftlich nicht wirklich fundiert. Aber nach zwei Schuljahren Pädagogik & Psychologie ist die Grenze zwischen Mensch und Pawlowscher Hund fließend. NLP ist quasi das Klassische Konditionieren bei einer Person. Gut, vielleicht belohnt man nicht mit einem Leckerli (okay, bei mir könnte das vielleicht sogar klappen..), sondern verknüpft positive Emotionen. Könnt ihr euch noch am CSD erinnern? Unsere DJane hat öfters das Frankie Goes to Hollywood Relax Sample von La Royale & Yesco eingespielt. Zumindest mir geht es so, wenn ich den jetzt höre, will ich einfach los tanzen und fühle mich wieder wie auf dem CSD Wagen!

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Was hat das ganze jetzt mit unseren Romeo Profil zu tun? Herzlich wenig wahrscheinlich. Außer ihr könnt jetzt in eurem Profiltext/-Bildern entsprechende Anker aufrufen, die schon gesetzt worden sind. Hier schließt sich aber der Kreis zu Freitag: Lieber rufe ich doch einen positiven, als einen negativen Anker auf; heißt, lieber mal was positiv Assoziiertes aufrufen. You know? Noch kurz mein Fahrplan für einen etwaigen neuen Partner: 1. Ihn verwöhnen und immer wenn ich ihm etwas gutes tue, ihn an einer bestimmten Stelle kitzeln (Anker setzen) und 2. Wenn ich ne Tafel Schokolade vom Späti nebenan möchte, ihn wieder an der Stelle kitzeln (Anker aufrufen) und mir den Gang nach nebenan sparen. Ja, ja, das ist genial, ich weiß..

Lasst uns darüber quatschen. Wann? Morgen, den 23.09. Um wie viel Uhr? Um 18 Uhr. Wo? Wie gewohnt im Mann-O-Meter.

P. S.: Kurz daran erinnert, der Workshop „schwule Gesundheit“ wurde auf den 10. Oktober verschoben.

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Okt 29

GayRomeo – der blaue Himmel?!
GR, die blauen Seiten oder das schwule Einwohnermeldeverzeichnis, das weltweit größte deutschsprachige Internetportal für Schwule hat viele Namen. Kein Wunder, immerhin hat GayRomeo die schwule Szene so stark geprägt, wie kaum ein anderes Kommunikationsmedium. Das dies sowohl positive als auch negative Seiten hat, ist leider nicht allen bewusst.

GayRomeo hat weitreichende Auswirkungen auf das soziale Leben der schwulen Szene, sowie  natürlich auch direkt auf die User. Immerhin wird beispielsweise heutzutage nicht mehr nach der Telefonnummer, sondern nur noch nach dem GR-Namen gefragt, wenn man sich in einer Bar mal eben kennen gelernt hat. Die Schwelle sich daraufhin zu melden ist für viele im Internet deutlich niedriger als  jemanden direkt anzurufen. Zudem ist man im Internet ja versteckt, oder zumindest fühlt sich dementsprechend. Dies steht allerdings im krassen Kontrast zu der Offenheit mit der viele User mit GayRomeo umgehen. Immerhin hat man hier die Möglichkeit sein gesamtes Intimleben zu veröffentlichen. Ob Religionszugehörigkeit, Schwanzgröße oder Vorlieben. GayRomeo lädt geradezu dazu ein, der Öffentlichkeit alles mitzuteilen. Welche individuellen Folgen hieraus entstehen können, wird auf dem Internetportal leider wenig thematisiert. Denn obwohl die meisten hierüber nie nachdenken, können alle Daten selbstverständlich auch jederzeit missbraucht werden. Jede_r kann sich bei GayRomeo einloggen, deine Nachbarin, dein bester Kumpel oder auch deine Mutter. Theoretisch haben alle Zugriff. Dies birgt natürlich ein Risiko, gerade für Menschen die in der Öffentlichekit stehen, ebenso für Menschen die mit Kindern und Jugendlichen arbeiten. Besonders Lehrer sind hier in einer prekären Situation. Stößt ein Schüler zufällig auf das Profil eines Lehrers, so hat der Schüler zumeist eine bestimmte Machtposition, insbesondere wenn der Lehrer nicht in der Schule geoutet wird. Und umso mehr, wenn der Lehrer hier recht offenkundig mit seinen intimen Fotos und Vorlieben umgeht. Das Schüler GayRomeo gegen ihre Lehrer missbrauchen ist schon mehrmals vorgekommen. Teilweise musste sogar die Schulleitung oder eine noch höhere Ebene einschreiten.

Aber nicht nur Lehrer setzen sich einer Gefahr aus bei dieser offenherzigen Preisgabe der privatesten Informationen. Im Prinzip tut dies jeder. Man sollte sich darüber bewusst sein, dass es Unternehmen gibt, die systematisch das gesamte Internet quasi abspeichern. Alles was einmal online war, wird für immer auf diesen Firmenservern sein. Es gibt heutzutage kaum Menschen, die keinerlei Datenspuren im Internet hinterlassen haben. Ob Fotos, Kontaktadressen oder sogar private Mitteilungen. Nach diesem Prinzip können Firmen ein ganzes Datenprofil des Individuums bilden. Durch dieses Profil lassen sich oft Verlinkungen zu verschiedenen Internetportalen machen, unter anderem auch zu GayRomeo, obwohl der persönliche Name nicht im Profil veröffentlicht wurde. Theoretisch ist es daher durchaus möglich, dass Unternehmen nach Bewerbungsgesprächen sich erst einmal erkundigen ob der Bewerber ein GR-Profil besitzt, das daraufhin natürlich gründlich untersucht wird. Wenn man dann auch noch intimste Daten im Profil angegeben hat, erhöht dies die Chancen beim Unternehmen natürlich nicht gerade. Dies ist der Grund weshalb die taz ihren Artikel über GayRomeo: „Gefährlich hoher Dating-Faktor“ mit „Die rosa Listen sind wieder da.“ begann. Zwar ist diese Gleichstellung mit dem Schwulen-Verzeichnis der Nazis eine klare Übertreibung, es lassen sich aber durchaus einige Parallelen ziehen, inwiefern die Daten des Einzelnen jedem_jeder und damit auch dem Staat zugänglich sind. Die Datenschutzebene ist nur eine von verschiedenen kritischen Seiten von GayRomeo.

Eine weitere ist die des sozialen Umgangs miteinander. Die systematische Katalogisierung genauester Körperdaten, sozialer Charakteristika sowie sexueller Vorlieben hat natürlich Auswirkungen auf die Art und Weise wie die User miteinander umgehen. Die Suchfunktion ermöglicht das Finden eines schlanken, europäischen, blonden, unbehaarten, blauäugigen, schwulen Mannes im Alter von 18 Jahren der gerne fistet und einen unbeschnittenen Schwanz hat (dies ist die gekürzte Version der Detail-Suche bei der stets die erste Wahlmöglichkeit genommen wurde). Diese Schubladensuche verleitet natürlich auch zu einem Schubladenverhalten bei den GR-Usern. Eines der beliebtesten Merkmale von GR-Profilen ist die Aufzählung von Typen von Menschen oder Charakteristika die der User nicht mag, im Extremfall lassen sich dann solche Kommentare finden wie: „Bitte keine tuckigen Weiber!“ oder auch „Türken brauchen ´s bei mir gar nicht erst zu versuchen!“. Die Offenherzigkeit mit der Viele mit GayRomeo umgehen bringt auch die Rassismen, Sexismen und anderen Diskriminierungsformen zu Tage.

Auf individueller Ebene ist GayRomeo bei manchen zum ausschließlichen Kontaktmedium geworden. Man lernt neue Leute nicht mehr auf der Straße, sondern nur noch per Profil kennen. Psycholog_innen  berichteten mehrfach von Menschen die eine tatsächliche GayRomeo-Abhängigkeit entwickelt haben. Diese müssen mit langer Therapie erst wieder die normale soziale Kontaktpflege erlernen und ihren Umgang mit dem Medium GayRomeo natürlich stark überdenken. Dies sind selbstverständlich Extremfälle, aber auch auf die breite Masse hat diese Änderung des sozialen Umgangs massive Folgen. Dies zeigt sich vor allem an der Infrastruktur der Szene. Seit dem Aufkommen des Internets und mit ihm GayRomeo berichten viele schwule Bars, Cafes und ehrenamtliche Einrichtungen von einer Abnahme der Kundschaft beziehungsweise dem Ausbleiben von Menschen die die sozialen Treffpunkte nutzen. In einigen deutschen Städten gab es in den 80er und 90er Jahren deutlich mehr engagierte Gruppen und Vereine als heutzutage. Junge Schwule treffen sich nicht mehr in der Jugendgruppe, sondern bei GayRomeo. Dies scheint absurd, angesichts der Tatsache, dass sich zur selben Zeit so viele über eben dieses Internetportal beschweren. Gerade schwule Jugendliche kritisieren hier oftmals die reine Fixierung auf Sex. Sie haben noch keinerlei Erfahrung mit der schwulen Welt, dies kann dazu führen, dass einige denken, One-Night-Stands über das Internet zu bekommen, sei die einzige Möglichkeit ihre schwule Identität auszuleben.

Ein weiterer Punkt bei der kritischen Auseinandersetzung mit GayRomeo ist der häufig auftretende soziale Ausschluss von Nicht-Schwulen. Wenn man ständig vor den blauen Seiten hängt, wird es unwahrscheinlich sein, dass man auch mal etwas mit der Hetero-Welt, geschweige denn Frauen zu tun hat. Das Leben der Mehrheit der Menschen bekommen diese User praktisch nicht mehr mit.

Ich rufe hiermit nicht zum Boykott von GayRomeo auf, ich möchte viel eher ein kritisches Nachdenken anregen. GayRomeo hat auch für viele positive Erneuerungen gebracht. Schwule auf dem Land hatten bisher nie die Möglichkeit zu sehen, ob es nicht vielleicht im eigenen Dorf weitere Schwule gibt. Das schwule Internetportal „Du bist nicht allein“ beschreibt dies sehr treffend. Aber auch eigentlich schüchterne Menschen bekommen über das Chatportal die Möglichkeit andere anzusprechen und kennen zu lernen. Wo sie sich früher nicht trauten, haben sie nun die Möglichkeit ohne Scham an Andere heranzutreten. Diese Niedrigschwelligkeit ist für viele der Hauptgrund, weswegen sie über GayRomeo neue Kontakte suchen.

Es zeigt sich, dass GayRomeo sehr vielschichtig ist, diese Ambivalenz wird aber von vielen nicht wirklich wahrgenommen.

Bei all den Veränderungen die GayRomeo mit sich bringt, sollte man sich selbst, als Mitglied der schwulen Szene, durchaus einmal fragen, in welche Richtung sich die Szene hierdurch eigentlich entwickelt. Vermutlich würde bereits dieses kritische Hinterfragen einen positiven Wechsel im Umgang mit diesem Medium bringen.

Von StSi

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