Sep 04

Das Ideal der rosanen Toleranz – Frauenfeindlichkeit unter Schwulen

„Schwule sind grundsätzlich tolerant!“, „Schwule sind aufgrund ihrer eigenen persönlichen Erfahrung für das Thema Diskriminierung sensibilisiert und verhalten sich auch dementsprechend respektvoll.“. Dieses sind Annahmen die von vielen innerhalb der schwulen Community geteilt werden. Aber werden Menschen bloß aufgrund ihrer schwulen Identität automatisch toleranter? Natürlich nicht!

Die Mehrheit der Schwulen definiert sich noch nicht einmal alleinig über ihre sexuelle Orientierung. Schwule (so wie alle Menschen) haben eine vielschichtige Identität, sie können SPD- oder CDU-Wähler, Handwerker oder Lehrer, arm oder reich, tolerant oder diskriminierend sein. Dies alles sind Charakteristika, die eine Identität aus machen. Schwule sind keine einheitliche Gruppe. Zu sagen Schwule seien generell dies oder das ist daher schon einmal im Ansatz sehr fragwürdig.

Dann eröffnet sich die Frage, warum sind ausgerechnet Schwule besonders tolerant? Es ist relativ selten der Fall, dass Gruppen, die selbst von enormer Diskriminierung betroffen sind, durch ihre erfahrene Diskriminierung allgemein toleranter und respektvoller im Umgang mit anderen Gruppen werden. Eher im Gegenteil, prinzipiell gilt: Anfeindungen führen nur zu mehr Anfeindungen, Gewalt schürt nur noch mehr Gewalt. Wenn beispielsweise ein Schwuler auf der Straße von einem Russen homophob beleidigt wird, erhöht dies die Wahrscheinlichkeit, dass der Schwule Vorurteile gegenüber Russ_innen[1] aufbaut. Ebenso wenn eine Griechin auf der Straße von einer Italienerin rassistisch beleidigt wird, steigert dies die Wahrscheinlichkeit, dass die Griechin Vorurteile gegenüber Italiener_innen aufbaut. Weshalb sollte die schwule Minderheit hierbei anders sein, als andere Minderheiten. Weshalb sollten sie toleranter werden, dadurch, dass sie selbst diskriminiert werden?

Schwule sind Teil der deutschen Gesellschaft, und die deutsche Gesellschaft ist voll von Rassismen, Sexismen und anderen Diskriminierungsformen. Dementsprechend gibt es auch diskriminierende Schwule. Schwule sind weder toleranter noch diskriminierender als alle Anderen auch.

Doch wenn man schwule (oder schwullesbische) Aufklärungs- und Kampagnenarbeit betreibt, ist man fast schon gezwungen, eine gewisse Identität zu übernehmen, die man nach außen trägt. Es wird ein bestimmtes Bild von Schwulen dargestellt, um mehr Anerkennung in der Gesamtgesellschaft zu erreichen. In der Regel ist dieses Bild geprägt von bürgerlichen Mittelschichtsschwuppen, die gerne ein Kind adoptieren würden, nett zu ihren Nachbar_innen sind und sich natürlich unglaublich respektvoll gegenüber allen anderen sozialen Gruppen benehmen.

Diejenigen die dieses Bild propagieren sind auch diejenigen die das falsche Ideal der schwulen Toleranz nicht aufgeben wollen. Große Teile der Community möchten die Frage, inwiefern Schwule andere Gruppen diskriminieren, nicht ansprechen. Einerseits wollen sie den Themenschwerpunkt der Szene nicht auf interne Probleme legen, andererseits hängen viele immer noch an dem Opfer-Status, den Schwule noch immer besitzen. Zwar ist das Thema Schwule als gesellschaftliche Opfer mit den Jahren weniger geworden, trotzdem existiert es noch.

Viele Akteure innerhalb der Community die für mehr Toleranz und Respekt für Schwule kämpfen, benutzen den schwulen Opferstatus um auf soziale Probleme aufmerksam zu machen, um Finanzierungsmöglichkeiten zu bekommen und zu einem Teil auch zur eigenen Existenzrechtfertigung. Das schlimmste was diesen Akteuren in ihren Augen passieren könnte, wäre nicht mehr als Opfer, sondern als Täter wahrgenommen zu werden. Wenn sie also das Thema, inwiefern Schwule selbst diskriminierend sind, ansprechen, würden sie damit auch eingestehen, dass die Gruppe die sie repräsentieren nicht nur Opfer, sondern, in bestimmten Fällen, auch zugleich Täter ist. Doch, das Eingeständnis, dass diskriminierte Menschen in manchen Fällen auch zugleich Täter sind, könnte in meinen Augen eine ehrliche und konstruktive Debatte innerhalb der Szene anstoßen. Ein bisschen mehr Selbstbeschäftigung tut manchmal durchaus sehr gut.

Schwule Täter existieren. Gruppen die von Schwulen diskriminiert werden, gibt es zahlreiche. Diese Gruppen unterscheiden sich kaum von denen, die gesamtgesellschaftlich Diskriminierung ausgesetzt sind, beispielsweise Menschen die als Ausländer_innen wahrgenommen werden, Jüd_innen, Muslime oder auch Frauen.

Diejenige Gruppe, die in meiner Erfahrung mit der schwulen Community am meisten offen diskriminiert wird, ist die zuletzt genannte, die der Frauen. Allerdings unterscheidet sich der schwule Sexismus von dem der heterosexuellen Männer. Hetero-Männer übernehmen das patriarchale Rollenbild in Form von direkter Diskriminierung, beziehungsweise Machtausübung. Schwuler Sexismus geschieht zumeist durch Abweisung von Frauen sowie durch frauenfeindliche Kommentare innerhalb von schwulen Gesprächskreisen. Viele Schwule haben einen ausschließlich schwulen Bekanntenkreis. Bei ihnen ist das Gefühl, von der Mehrheitsgesellschaft nicht akzeptiert zu werden, oft besonders stark. Dementsprechend kapseln sie sich schnell ab von der Mehrheitsgesellschaft und leben in einer Art schwulen Blase. Daraus resultiert, dass sie keinerlei privaten Kontakt mehr zu Frauen haben. Dieser Prozess geschieht zumeist unbewusst. Der (wenn auch unbeabsichtigte) soziale Ausschluss einer bestimmten Gruppe führt schnell zu Vorurteilen und daraus resultierend auch zu Diskriminierungen. Doch selbst Schwule die selbst viele Freundinnen haben und die im direkten Kontakt mit Frauen keinerlei Vorurteile oder Diskriminierungen zeigen, verändern schnell ihre persönliche Attitüde, sobald sie ausschließlich unter Schwulen sind. Zumeist äußern sich die Diskriminierungen in Form von Sprüchen, die eigentlich eher komisch gemeint sind und niemanden verletzen sollten. Die Bandbreite dieser Kommentare ist groß, sie reicht von „Iieehgitt, Frauen“, über „Sowas schafft eine Frau doch gar nicht!“ bis zu „Was hast du denn so viel mit Frauen zu tun, wechselst du etwa zum anderen Ufer!?“ Solche Sprüche mehren sich innerhalb einer schwulen Gruppe schnell. Die meisten Schwulen sind sich nicht der Dynamik solcher salopp gesagten diskriminierenden Aussagen bewusst. Denn um so häufiger solche Äußerungen vorkommen, desto weniger werden sie kritisch hinterfragt. Die Grenze zwischen lustig gemeintem Frauenwitz und tief sitzender Frauenfeindlichkeit verwischt dabei schnell. Kaum ein Schwuler ist sich seiner eigenen Frauenfeindlichkeit wirklich bewusst. Sie existiert auch zumeist in subtilerer Form als beispielsweise Homophobie. Lesben und Schwule werden oftmals direkt auf der Straße angepöbelt, frauenfeindliche Diskriminierung aber geschieht versteckter. Schwule diskriminieren Frauen zumeist in Form von Herabwürdigung, ihnen wird nicht so viel zugetraut, sie sind in ihren Augen nicht stark genug. Zudem reduzieren Schwule gerne alles auf Sex. Und in diesem Kontext fallen Frauen natürlich vollständig raus und werden daher im Leben vieler Schwuler schlichtweg als komplett unwichtig angesehen. Sie bekommen höchstens mal etwas Aufmerksamkeit, wenn mal wieder darüber gelästert wird, wie eklig doch der nackte Frauenkörper sei.

Frauenfeindlichkeit unter Schwulen tritt außerdem sehr häufig in Verbindung mit Lesbenfeindlichkeit auf. Selbst unter Schwulen die Aufklärungsarbeit betreiben, kommt dies vor. Die meisten Homo-Gruppen bestehen mehrheitlich aus Männern, einige sind reine Männergruppen. Auf Dauer wirkt sich dies auf die Sensibilisierung dieser Gruppen gegenüber lesbischen Themen aus. Frauen- und Lesbenthemen sind in Homo-Gruppen zumeist unterrepräsentiert und falls von Seiten der Frauen Initiative ergriffen wird dies zu ändern, blockieren sie die Schwulen gerne. Entweder werden schwullesbische Vorschläge als Gegenentwurf vorgeschoben oder es wird kommentiert, dass schwule Themen schlichtweg mehr Echo in der Presse, sowie der allgemeinen Öffentlichkeit, erreichen. Dies ist der Grund weshalb sich viele ausschließlich lesbische Gruppen gebildet haben. Zwar wollten beide Seiten gegen die Homophobie kämpfen, doch viele Schwule waren sich ihrer eigenen Frauen- und Lesbenfeindlichkeit selbst nicht bewusst, beziehungsweise wollten ihre eigene sexistische Einstellung auch überhaupt nicht ändern.

Die Vorurteile die viele Schwule gegenüber Lesben haben unterscheiden sich nur wenig von denen die Heterosexuelle von ihnen haben: Lesben sehen alle aus wie Kerle, seien ständig pampig und zudem auch noch sexuell frustriert. Das dies nicht der Realität entspricht wollen sie schlichtweg nicht begreifen. Aber um Vorurteile tatsächlich abzubauen, müssten sie ja auch in direkten Kontakt mit Lesben treten. Dies ist stets die beste Form um Diskriminierungen abzubauen, die Menschen gegen die man Vorurteile besitzt selbst kennen zu lernen. Aber hier kommen wir wieder zum Punkt der sozialen Abschottung. Wenn man nur noch schwule Freunde hat, lernt man auch keine anderen Gruppen mehr kennen. Dieser Kreislauf ist bei vielen Formen von Diskriminierung stets der gleiche. Soziale Abschottung führt zu Vorurteilen, die wiederum nur noch mehr Abschottung reproduzieren.

Als ich Hetero-Freund_innen von dem Thema der schwulen Lesbenfeindlichkeit erzählte, konnten diese das kaum glauben. Eine Minderheit diskriminiert sich untereinander selbst. Sofort fingen sie an zu argumentieren, „Aber damit wird doch bloß die Bewegung geschwächt!“, „Sollten nicht zumindest Schwule sich der Auswirkungen jeglicher Art von Diskriminierung bewusst sein?!“. Die Frage die sich mir bei dem Gespräch hauptsächlich stellte war, wie man gegen diese Probleme angehen kann.

Meiner Meinung nach muss diese Art der Diskriminierung, wie alle anderen auch, auf 2 Ebenen bekämpft werden. Einerseits auf der organisatorischen Ebene, in Form von Aufklärungsveranstaltungen, Sensibilisierungsprogrammen in spezifischen Einrichtungen sowie Veröffentlichungen die konkret für das gewünschte Publikum konzipiert sind. Und bitte nicht nur 160-seitige Expert_innen-Veröffentlichungen die das eigentliche Publikum eh nicht erreichen, sondern die gesamte mediale Bandbreite muss aktiv benutzt werden. Andererseits sollte die Problematik auf der persönlichen Ebene angegangen werden. Jede_r hat eine individuelle Verantwortung jegliche Form von Diskriminierung in ihrem_seinem Bekannt_innenkreis zu thematisieren und die Person hierauf direkt anzusprechen. Würde jede_r diese Verantwortung ernst nehmen, so würde dies mehr zum Abbau von Diskriminierung helfen als alle Aufklärungskampagnen zusammen.

Von StSi


[1] Der Unterstrich in dem Wort „Russ_innen“ ist kein Tippfehler, sondern ein sogenannter Gender Gap. Der Gender Gap wird benutzt, um nicht nur beide Geschlechter darzustellen, sondern auch Menschen, die weder Mann noch Frauen sind, beziehungsweise sich in keinen dieser Kategorien wohl fühlen. Mehr zu dem Thema unter:

http://de.wikipedia.org/wiki/Gender_Gap

http://arranca.nadir.org/arranca/article.do?id=245

geschrieben von Stephan \\ tags: , , ,

Mai 27

homophobie, also die diskriminierung homosexueller, ist weiterhin ein ernstes thema. wer glaubt. mit der homoehe sei alles in butter, sieht sich getäuscht. vor allen an vielen schulen herrscht kein sehr freundliches klima gegenüber jungen schwulen oder lesben. so verhalten sich viele junge menschen vorsichtig, um nicht blöd von der seite angemacht zu werden.

aus frankreich kommt dem gegenüber ein freches, witziges musikvideo mit vielen jugendlichen darstellerInnen, das sich gegen diskriminierung ausspricht. dieses video kann bei youtube angesehen werden, ist auf englisch gesungen und (vorsicht liebe eltern, das f…-wort kommt häufig vor). zu finden ist das video unter http://www.youtube.com/watch?v=UV26OMSb_VQ&feature=related . tipp: unbedingt ansehen, auch wenn die verbindungsdaten vorratsgespeichert werden.

geschrieben von Christof \\ tags: , , , , , , , , ,